Kontext
Als Miuccia Prada am 19. Februar 2008 ihre Prêt-à-porter-Kollektion für den folgenden Winter vorstellte, reagierte die Fachwelt mit Begeisterung.1 Die berühmte Designerin schickte ihre Models in unifarbigen Kleidern aus luxuriöser Spitze über den Laufsteg. Prada gelang es, den in der Ostschweiz nach Mustern aus dem 1950er-Jahren produzierten Stoff durch einfache Schnitte, eigenwillige Accessoires und eine kühle Präsentation modern und interessant darzustellen. Damit sorgte Prada nicht nur für den Höhepunkt der Mailänder Modewoche, sondern in der Folge für einen richtigen Hype.2 Erstaunlich ist das plötzliche Interesse an Spitze deshalb, weil sie in Modekreisen als heikel gilt:
»At one end, it's a dream of haute couture workmanship, and at the opposite, a nightmare of sex-shop tackiness. It's innocent, romantic, folkloric, and churchy on the one hand and straight-up fetishist on the other. Babies and brides wear lace, as do grannies and Goths.«3
Spitze trug auch Michelle Obama am Tag der Amtseinführung ihres Ehemanns. Die Designerin Isabel Toledo hatte der neuen First Lady ein gelbes Kleid geschneidert – wie Prada aus einem Stoff der Firma Forster Rohner. Obamas Garderobe und insbesondere die Wahl des Kleids aus Spitze wurden gefeiert und festigten den Ruf ihrer Trägerin als Stilikone.4 Was die meisten Beobachter5 allerdings nicht wissen, ist, dass die modische Spitze eigentlich keine Spitze ist. Der Stoff, den Prada und Toledo verwendeten, heisst Giupure und ist eine Imitation gehäkelter Spitzen durch die Stickerei-Industrie.
Die Technik, die auch heute noch zur Anwendung kommt, ist die Ätzstickerei und wur-de in den 1880er-Jahren von Charles Wetter-Rüsch entwickelt.6 Diese bedeutende Erfindung fällt in eine Zeit, in der die Schweizer Stickerei-Industrie auf dem Weltmarkt eine monopolähnliche Stellung besass und ihre Produkte – Swiss Embroidery – weltweite Bekanntheit genossen. Zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg erlebte die in der Ostschweiz konzentrierte Stickerei einen Aufschwung wie kaum eine andere Branche. In den 1850er-Jahren noch wenig bedeutend, war sie um 1910 die wichtigste Schweizer Exportindustrie. Insbesondere im Vergleich zu übrigen Zweigen der Textilindustrie ist die Entwicklung spektakulär. In Abbildung (1) ist ersichtlich, wie sich das Gewicht exportierter Stickereien zwischen 1850 und 1950 entwickelt hat.7 Als Vergleichsgrösse dient dabei wegen fundamentaler Ähnlichkeit die Seidenbandindustrie.
Abbildung (1): Gewicht exportierter Stickereien (dunkelblau) und Seidenbänder (hellblau) in Tonnen

Quelle: eigene Grafik, Daten: Kammerer et al. (2008), L: Aussenhandel, Tabellen 2 und 11a2.
In der Grafik ist zu sehen, dass das eindrückliche Wachstum der Exporte um 1865 einsetzte und mit einer kurzen Stagnation in den 1880er-Jahren bis um 1910 anhielt. Die Eckdaten dieser Entwicklung sind kein Zufall: im Jahr 1865 endete der amerikanische Bürgerkrieg, der für die Schweizer Stickerei insofern von Bedeutung war, als dass die USA lange Zeit der bedeutendste Absatzmarkt waren. Das Ende des Aufschwungs fällt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammen, der insbesondere eine Exportindustrie vor erhebliche Herausforderungen stellte.
Im Jahr 1910 waren in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Appenzell über 72‘000 Menschen in der Stickerei und ihren Hilfsindustrien beschäftigt. Damit beschäftigte sie mehr Personen als jede andere Schweizer Industrie.8 Am Bodensee standen mit Arnold B. Heine & Co. bzw. den Stickereiwerken Arbon und der Feldmühle in Rorschach die beiden wichtigsten Stickerei-Produzenten der Welt. Sie boten jeweils über 2‘000 Menschen eine Arbeit und gehörten zu den grössten Unternehmen der Schweiz.9 Die meisten Sticker arbeiteten aber nicht in Fabriken, sondern mit eigener Handstickmaschine zu Hause. Durch die dezentrale Organisation der Produktion war fast jeder Ort um St. Gallen von der Stickerei abhängig. Entsprechend dramatisch waren die Folgen, als die Industrie während und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach. Bis zum ersten Tiefpunkt im Jahr 1935 sank das Gewicht exportierter Stickereien um 93 Prozent gegenüber dem höchsten Stand vor dem Krieg. Das »Schmuckstück der Schweizer Exportindustrie«10 verlor in kurzer Zeit seine Bedeutung. Nur wenige Unternehmen überlebten die Krise; viele von ihnen produzieren heute noch.
Trotz der hohen Relevanz der Stickerei-Industrie für die Wirtschaftsgeschichte wurde ihre Entwicklung in jüngerer Zeit kaum wissenschaftlich erforscht. Mit dem in diesem provisorischen Konzept umrissenen Projekt möchten wir einen Versuch unternehmen, das offensichtliche Missverhältnis zwischen hoher Bedeutung auf der einen Seite und geringem Forschungsinteresse auf der anderen Seite etwas zu korrigieren. In diesem Dokument skizzieren wir die Fragestellung, die voraussichtliche Vorgehensweise, die Quellenlage und die zum Thema vorliegende Literatur.
Stand: 20. Mai 2009
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Vgl. den von der VOGUE produzierten Kurzfilm zur Präsentation mit Expertenmeinungen unter der URL http://style.com/video/fashion-shows-by-season/fall-2008-rtw/1896809589/prada-fall-2008/1896808476. |
| 2 | Tagesanzeiger, 27.12.2008, 48. |
| 3 | VOGUE, 9/2008, 554. |
| 4 | The Times, 21.01.2009, 2, 6f. |
| 5 | Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit jeweils nur die männliche Form verwendet. Sie schliesst auch Frauen mit ein, wenn aus dem Kontext nichts Anderes hervorgeht. |
| 6 | Alder (1933), 50. Das Verfahren besteht darin, das gewünschte Muster zunächst auf einen Stoffgrund zu sticken und diesen anschliessend wegzuätzen. Zurück bleibt nur das frei schwebende Stickmuster. |
| 7 | Das Gewicht exportierter Waren ist ein sinnvoller Indikator, da es eine reale Grösse ist. Allerdings ist zu beachten, dass sich Gewichte auch in Folge veränderter Produktpaletten ändern können. Wenn etwa vermehrt Massenproduktion betrieben wird, kann das Exportgewicht ansteigen, ohne dass der gesamte Wert exportierter Waren und damit das Einkommen der Exportindustrie zwingend zunimmt. Daten für den Wert der Exporte sind erst ab 1892 erhältlich, vgl. Kammerer et al. (2008), L: Aussenhandel, Tabellen 11b1ff. Sie bestätigen die in Abbildung (1) ersichtlichen Entwicklungen weitgehend. |
| 8 | Bundesblatt, 1922/3, 353. Die Bedeutung der Stickerei ist noch höher als die Zahl der Beschäftigten erahnen lässt. Viele Textilbranchen fanden in der Stickerei eine wichtige Abnehmerin, und Maschinenfabriken wie etwa Saurer oder Rieter produzierten Stickmaschinen. Vgl. Wipf / König / Knoepfli (2003), S. 70-73. |
| 9 | Tanner (1985), S. 116. |
| 10 | Bergier (1990), S. 270. |